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Eduard-Perings-Symposium am IAT diskutierte Ruhrvisionen:

Probleme lösen, Stärken ausbauen

Pressemitteilung vom 05.02.2010
Redaktion: Claudia Braczko

Ist die Metropole Ruhr kreativ genug, Kirchturmdenken zu überwinden und ihre Kräfte und Potenziale für eine kooperative Zukunftsgestaltung zu bündeln? Ein gravierendes soziales Nord-Süd-Gefälle in der Region wie in den einzelnen Städten, mangelnde Bildungspartizipation und die desolate Finanzlage der Kommunen stellen längst die regionale Handlungsfähigkeit in Frage. Ob und wie sich positive Zukunftsperspektiven entwickeln und realisieren lassen, diskutierten (am Donnerstag, 4. Februar) Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vor über 140 interessierten Gästen auf einem wissenschaftlichen Symposium am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen.

„Kritisch und konstruktiv“ solle die Debatte verlaufen, wie Prof. Dr. Franz Lehner, Direktor des IAT, ankündigte. Die Podiumsteilnehmer, ob in Essen-Karnap geboren oder aus der Schweiz in die Region zugereist, erwiesen sich zwar allesamt als bekennende Ruhrgebietsfreunde, scheuten sich aber nicht, schonungslos Schwächen und Probleme der Region aufzudecken. Grundlage der Diskussion bildete dabei eine umfassende Analyse zur Lage und zu den Perspektiven des Ruhrgebiets, die die Studiengruppe Lernende Region Ruhr des IAT vorgenommen hat. Benannt wurde das Symposium nach Eduard Perings, ehemals Professor für Medizin an der Ruhr-Universität Bochum, der sich als Prorektor für Forschung früh stark gemacht hat für eine systematische wissenschaftliche Begleitung der Entwicklung des Ruhrgebiets und dem IAT in seiner Gründungsphase vor fast zwanzig Jahren wichtige Anstöße – etwa zur Entwicklung der Senioren- und Gesundheitswirtschaft – vermittelt hat.

Interkommunale Zusammenarbeit

Um im Ruhrgebiet mehr und bessere regionale Kooperation zu erreichen wird immer wieder die „Ruhrstadt“ oder ein „Regierungsbezirk Ruhr“ vorgeschlagen. Diese Diskussion gehe jedoch an den Problemlagen vorbei, so Prof. Dr. Jörg Bogumil von der Ruhr-Universität Bochum, sei „politisch nicht durchsetzbar und auch nicht sinnvoll“. Wenn die interkommunale Zusammenarbeit nicht von alleine geschehe, müsse sie durch Anreize, notfalls mit Druck von außen erzwungen werden. Hier werde es über kurz oder lang einen staatlichen „Rettungsfonds“ geben müssen. Dieser sollte deutliche Auflagen in Richtung einer verstärkten regionalen Zusammenarbeit machen. Sinnvoll seien beispielsweise Kooperationen in den Bereichen Öffentlicher Nahverkehr, Regionalplanung, Kulturpolitik und Wirtschaftsförderung.

PD Dr. Dieter Rehfeld, Leiter des Forschungsschwerpunkts Innovation, Raum & Kultur am IAT, wies darauf hin, dass die langfristigen Probleme der Region nur im Ruhrgebiet selbst gelöst werden können. In der Krise werde der Verteilungskampf um Fördergelder härter. „Es täte aber der Region gut, Punkte zu setzen, Stärken sichtbar zu machen und nicht nach dem Gießkannenprinzip vorzugehen!“. Hier fehle es aber immer noch am positiven gemeinsamen Denken.

Gesundheit und Wohnen

Prof. Dr. Rolf Heinze von der Ruhr-Universität Bochum diskutierte mit Vertretern der Wohnungswirtschaft über die ökonomischen Chancen einer Verknüpfung von Gesundheit und Wohnen. Der demografische Wandel im Ruhrgebiet könnte als „Laboratorium“ für neue Produkte und Dienstleistungen für die Gesundheitswirtschaft genutzt und neue Kooperationsprojekte für das „Wohnen im Alter“ gestartet werden. Gerade die kommunalen Wohnungsgesellschaften könnten hier z. B. mit „Übergangswohnungen“, Quartiersmanagement und Förderung von Nachbarschaftshilfe Vorreiter der wohnortnahen Versorgung sein.

Neue Chancen für regionale Innovation werden auch vom Gesundheitscampus NRW erwartet, der zurzeit in Bochum aufgebaut wird. Hier werde sich u.a. zeigen, ob es gelingt, das Wissenschaftscluster im Gesundheitsbereich mit verschiedenen Kliniken, Hochschulen und Unternehmen mit dem „Wohn-Cluster“ zu vernetzen.

Ökologie als Standortfaktor

Der Landschaftsarchitekt Prof. Dr. Andreas Kipar aus Mailand attestierte dem Ruhrgebiet, zwar „kreativ und innovativ, aber Mittelmaß“ zu sein. „Es fehlt die ökologische Zuspitzung – wir brauchen ein neues Thema, die Eco-City“. Ein Projekt des IAT, das Prof. Lehner vorstellte, zielt in diese Richtung. „CultNature – Bio-Energie-Parklandschaft Ruhr“ will Industriebrachen mit Gehölzen und Gräsern bepflanzen, die für die Gewinnung von Bioenergie genutzt werden können. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Hans-Peter Noll, Chef der RAG Immobilien, ein guter Weg, „Flächen qualitätsvoll still zu stellen, auch als Reserve für die Zukunft“.

„Mehr Einsatz von Biomasse macht Sinn und wir haben die Technologie hier, aber wir nutzen sie nicht richtig“, so Prof. Dr. Alfons Rinschede IAT/ Fachhochschule Gelsenkirchen. Notwendig wären umfassendere Konzepte des „City Mining“, also einer wirtschaftlich produktiven Abfallwirtschaft, die dann auch für den Export in Entwicklungsländer tauglich wären.

Schwindendes Humanvermögen

Ein Kernproblem im Ruhrgebiet ist das „schwindende Humanvermögen“, diagnostiziert der Bochumer Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Peter Strohmeier. „Das Ruhrgebiet verliert die sozialen und kulturellen Voraussetzungen dafür, Wandel zu gestalten!“ Die Autobahn 40 teile die Region als „Sozialäquator“ in den reichen Süden und armen Norden. „Es gibt Quartiere, in denen Kinder keinen Erwachsenen mehr kennen, der regelmäßig zur Arbeit geht“, es dominieren Resignation, Gestaltungspessimismus und Bildungsarmut.

Gegensteuerung muss früh in der Familien- und Jugendpolitik ansetzen. Beispiele aus Mülheim zeigen, wie man mit früher Förderung möglichst viel Chancengleichheit erreichen und Bildung als „Motor für Stadtentwicklung“ einsetzen kann, so Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld. Auch Gelsenkirchen – obwohl „Stadt ohne Geld“ – investiert in frühkindliche Förderung und Prävention und konnte bereits die Zahl der Schulabschlüsse steigern. „Wir müssen unseren Kindern die Chance geben, unser Land in der Wissensgesellschaft voran zu bringen, wir können es uns überhaupt nicht leisten, jemanden auszugrenzen“ forderte Dr. Ilse Führer-Lehner, Bildungsreferentin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW.

Fortsetzung folgt

„Die Baustellen für die Zukunft des Ruhrgebiets haben wir durchgearbeitet, wir wissen, woran wir arbeiten müssen“ resümierte IAT-Direktor PD Dr. Josef Hilbert die informationsreiche Veranstaltung. Es gebe gute Ansätze etwa in den Bereichen Gesundheit und Wohnen, Ökologie und auch den Willen zu mehr Kooperation der Kommunen. Die „Bildungspartizipation bleibt aber unsere ganz große Herausforderung!“ Die „Baustellen der Zukunft“ will das IAT künftig auch im Dialog mit dem Publikum bearbeiten – in einem Jahr soll ein weiteres Symposium zur Zukunft des Ruhrgebiets in Gelsenkirchen stattfinden.

Abbildung Eduard-Periongs-Symposium1

Eduard-Perings-Symposium: Kreative Metropole Ruhr? Fotos: IAT/Sprick

Ökologie als Standortfaktor: Wie kreativ ist das Ruhrgebiet?

Gesprächsrunde "Gesundheit und Wohnen" - Chancen für das Ruhrgebiet