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Statt "Krieg der Generationen" den demografischen Wandel gestalten

Anmerkungen aus dem Institut Arbeit und Technik zur aktuellen Demografiedebatte

Pressemitteilung vom 16.01.2007
Redaktion: Claudia Braczko

Das Schreckensszenario von der schrumpfenden Altenrepublik Deutschland verbaut den Blick auf die Chancen der demografischen Entwicklung für Innovation und Wandel. Denn die Umkehr der Alterspyramide – immer mehr alte und immer weniger junge Menschen – schafft Probleme, aber die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen sind berechenbar und gestaltbar. Darauf weist Prof. Dr. Franz Lehner, Chef des Instituts Arbeit und Technik (IAT) der Fachhochschule Gelsenkirchen, in seinem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie hin. Er geht der Frage nach, wie die Reaktionen auf die demografische Entwicklung gestaltet werden können, damit sich möglichst günstige regionalwirtschaftliche Auswirkungen ergeben.

Das Ruhrgebiet wird voraussichtlich bis zum Jahr 2010 über 250 000 Einwohner (fast die Gesamtbevölkerung Gelsenkirchens) verlieren, bis 2015 mehr als 370 000 Einwohner (fast die Bevölkerung Bochums) – das sind dann 7 Prozent, während im übrigen NRW die Schrumpfung bei lediglich 1,2 Prozent liegt. Entsprechend verschiebt sich die Altersstruktur: 2015 wird es 1,3 Millionen unter 18-Jährige in der Region geben, aber 1,67 Millionen über 55-Jährige – 2002 waren es 1,6 Millionen unter 18-Jährige und 1,5 Millionen über 55-Jährige.

Die Schrumpfung hat im Ruhrgebiet wesentlich früher als im Bund und NRW eingesetzt und eilt der übrigen Entwicklung um etwa 25 Jahre voraus. Die “Völkerwanderung” im Ruhrgebiet mit Wachstum im Umland und Schrumpfung im Kernbereich hat zudem zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen geführt. “Diese Probleme qualifizieren das Ruhrgebiet aber auch als Modellregion, frühzeitig Lösungen zu entwickeln und den anderen damit einen Schritt voraus zu sein”, meint PD Dr. Josef Hilbert, Leiter des Forschungsschwerpunkts Gesundheitswirtschaft und Lebensqualität am IAT. Die Frage, wie das Altern der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial bewältigt werden kann, ist seit über zehn Jahren ein zentrales Forschungsthema am IAT, das auch zu der vom Institut wissenschaftlich unterstützten Landesinitiative Seniorenwirtschaft NRW geführt hat und das mittlerweile unter dem Stichwort “Silver Economy” von einem Netzwerk von 15 Europäischen Regionen aufgegriffen wurde.

Die Seniorenwirtschaft ist ein Beispiel für eine innovative Reaktion auf die demografische Entwicklung, durch die neue Wachstums- und Beschäftigungspotenziale entwickelt und für den Strukturwandel im Ruhrgebiet nutzbar gemacht werden können. Maßgeschneiderte, innovative Angebote und Marketingkonzepte für ältere Menschen sind (noch) eine “Marktlücke”. Zwar liegt die Region bezüglich der Hauhaltseinkommen und des verfügbaren Einkommen älterer Menschen hinter den “reicheren” Regionen des Landes etwas zurück, verfügt aber allein schon durch Zahl und Dichte der Bevölkerung über attraktive Potenziale für die Seniorenwirtschaft.

Dazu zählen so unterschiedliche Märkte wie Wohnen, Tourismus, Kosmetik, Gesundheit und Wellness, Nahrungs- und Genussmittel, Freizeit und Unterhaltung, Bildung, Medien oder Finanzdienstleistungen. In diesen Bereichen lassen sich erhebliche Wachstums- und Beschäftigungspotenziale ausschöpfen, wenn die spezifischen Bedürfnisse der über 55-Jährigen systematisch berücksichtigt werden.

Der Ausbau der Seniorenwirtschaft könnte nach Berechnungen des IAT bis zum Jahre 2015 bis zu 130.000 neue Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen schaffen, schätzt PD Dr. Josef Hilbert. Allein diese können aber vermutlich die Abwanderung junger Menschen, die mit den Wohn- und Lebensbedingungen in vielen Ruhrgebietsstädten unzufrieden sind, nicht stoppen. Auch bessere Randbedingungen wie gute Kinderbetreuung, Infrastrukturen und Dienstleistungen für Familien, Integration von Bürgern ausländischer Herkunft sind gestaltbar.

Franz Lehner: “Die Politik muss bedenken, dass eine Entwicklung, die besonders gut prognostizierbar ist und deren Folgen auch früh absehbar sind, am Ende vor allem deshalb zu Problemen führt, weil auf diese Entwicklung nicht rechtzeitig reagiert wurde!”

Publikation zum Thema:

Lehner, Franz
2006: Die Gestaltung des Wandels - Regionalwirtschaft und Demographie im Ruhrgebiet. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 50, S. 206-216 Weblink

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Franz Lehner
Josef Hilbert